Rückblick: Theaterpreis Berlin an Lina Majdalanie und Rabih Mroué
Lina Majdalanie und Rabih Mroué wurden am Samstag, 02.05.26 im Haus der Berliner Festspiele im Rahmen des 63. Theatertreffens mit dem Theaterpreis Berlin 2026 ausgezeichnet.
Den mit 20.000 Euro dotierten Preis aus Stiftungsmitteln vergab der Bürgermeister von Berlin und Senator für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, Stefan Evers, in Vertretung des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Kai Wegner.
Der Intendant der Berliner Festspiele, Matthias Pees, gratulierte den Preisträgern gemeinsam mit der Intendantin des HAU Hebbel am Ufer, Annemie Vanackere, mit einer Lecture Performance. Prof Dr. Bernd Scherer hielt die Laudatio auf das Preisträgerduo.
Ariane Jeßulat und Henrik Kairies spielten vier Lieder von Bertolt Brecht und Hanns Eisler, Mazen Kerbaj begleitete auf der Trompete die Filmsequenz »This is not a metaphor« von Lina Majdalanie und Rabih Mroué und Antonia Baehr performte HA HA HA von Henry Wilt. Matthias Lilienthal und Sandra Noeth gratulierten den Preisträgern mit einem Grußwort.
Für die Ausrichtung des Empfangs dankt die Stiftung der freundlichen Unterstützung der Sektkellerei Lutter & Wegner.
Fotos: Fabian Schellhorn
Begründung der Jury
Mit ihren Stücken, Aufführungen und Auftritten haben Lina Majdalanie und Rabih Mroué in den vergangenen 25 Jahren die Sprache des zeitgenössischen Theaters maßgeblich erweitert, verschönert und präzisiert. Ihre Autor*innenschaft ist antiautoritär, ihr Ausdruck minimalistisch, ihre Form maximal poetisch. Ihr subtiler Humor erst ermöglicht die tiefe Ernsthaftigkeit ihres Werkes. Und ihre radikale Subjektivität in der analytischen Darstellung und persönlichen Interpretation historischer wie aktueller Ereignisse, Konflikte und Krisen insbesondere im Libanon entfaltet eine große, irritierende und mitunter verstörende politische Kraft, die den ästhetischen und performativen Anlass ihrer künstlerischen Arbeit, zumeist in Gestalt ihres bevorzugten Formats von Lecture Performances oder »nicht-akademischer Vorträge«, hell erleuchten und mitunter implodieren lässt.
Oftmals ausgehend von Fotografien, Filmausschnitten und anderen anlassstiftenden Materialien und Recherchen, die historische Ereignisse und persönliche Erlebnisse miteinander konfrontieren, überblenden oder verschmelzen, loten sie in ihrem künstlerischen Werk die Erfahrungsräume zwischen individuellen Geschichten und «offizieller« Geschichtsschreibung aus. Sie markieren diese als Zwischenräume, als vielseitig manipulierbare, ausgedehnte oder verbarrikadierte Orte zwischen Selbstbestimmung und Zuschreibung, Differenzierung und Stereotyp, Leben und Tod. In Form von szenischen Selbstbefragungen, dialogischen Infragestellungen oder subtilen Wechselspielen unternehmen sie fallenstellerisch pseudodidaktische und zugleich dezidiert antikoloniale Versuche über Wahrheit. War die inhaltliche und ästhetische Auseinandersetzung mit dem Bürgerkrieg im Libanon Ausgangspunkt vieler früher Theaterperformances der beiden in Beirut geborenen Künstler*innen, können spätestens seit ihrer Übersiedlung nach Berlin vor 12 Jahren auch deutsche oder »westliche« Ereignisse im Fokus ihrer Arbeit stehen, so zuletzt in ihrer Produktion »Four Walls and a Roof« (2024), die Bertolt Brechts Exil in den USA und seine Befragung vor dem »Ausschuss für unamerikanische Umtriebe« 1947 auf der Folie der eigenen Exilerfahrung im Berlin der Gegenwart reflektiert.
Die Kunst von Lina Majdalanie und Rabih Mroué kann uns sehend machen, freischwebend begreifen lassen in einem dunklen Kosmos aus Komplexitäten, Interdependenzen, unendlichen Sichtweisen und Möglichkeiten. Erhellt wird er nur durch die empathische Intelligenz dieser beiden Weggefährt*innen, deren vertraute Gestalt und Stimmen uns ein bergendes Geleit geben, weil sie uns zugleich die Angst zu nehmen imstande sind, die sie uns in ihren Werken eben machen müssen. So haben sie mit ihrer Arbeitsweise und Ästhetik gerade auch auf das deutschsprachige Theater eine nachhaltige Wirkung entfaltet und machen sich um dessen fortschreitende Entwicklung und Horizonterweiterung besonders verdient. Für ihr künstlerisches Lebenswerk werden sie deshalb auf Beschluss der Jury durch den Regierenden Bürgermeister mit dem Theaterpreis Berlin 2026 der Stiftung Preußische Seehandlung ausgezeichnet.
Die Jury
Nora Hertlein-Hull, Matthias Pees, Martin Thomas Pesl, Annemie Vanackere
Berlin, im Februar 2026