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Theater

Rückblick: Theaterpreis Berlin an Johan Simons

Veröffentlicht am 8 Juli 2024

Für seine herausragenden Verdienste um das deutschsprachige Theater zeichnete die Stiftung Preußische Seehandlung den Schauspieler, Regisseur und Intendanten der Münchner Kammerspiele Johan Simons (geboren 1946 in den Niederlanden) mit dem Theaterpreis Berlin 2014 aus.
Die Entscheidung über die Auszeichnung traf die Preisjury, der der Intendant der Berliner Festspiele, Dr. Thomas Oberender, die Theaterkritikerin Barbara Burckhardt und der Intendant des Hans-Otto-Theaters Potsdam, Tobias Wellemeyer, sowie mit beratender Stimme die Leiterin des Berliner Theatertreffens, Yvonne Büdenhölzer, angehörten.

Der mit 20.000 Euro dotierte Theaterpreis Berlin wurde am 3. Mai 2014 im Rahmen des Berliner Theatertreffens vom Regierenden Bürgermeister und Vorsitzenden des Rates der Stiftung Preußische Seehandlung Klaus Wowereit verliehen. Die Laudationes hielten Sandra Hüller und Thomas Schmauser.

Theaterpreis Berlin 2014 © gezett

BEGRÜNDUNG DER JURY

Wenn ein Regisseur für ein Theater steht, das über Grenzen – Sprachgrenzen, Landesgrenzen, Genregrenzen – springt, dann Johan Simons. "Ich, Johan Simons, Dorfstraße 83, Heerjansdam, Insel Ijsselmonde, Südholland, die Niederlande, Westeuropa, später Europa, nördliche Halbkugel, Erde, All " hat er im Oktober eine Rede begonnen, und in dieser Bewegung von der ganz konkreten regionalen Verwurzelung bis zu den großen Fragen und den großen Zusammenhängen ist, unbescheiden genug und doch im Ansatz höchst bescheiden, der Radius eines Johan Simons erfasst. Eines Theaters, das von Anfang an augen- und bewusstseinsöffnend gedacht war, das die niederländische Provinz ebenso meint wie die Schickeria auf der Münchner Maximilianstraße. Johan Simons, dieser schwere, explosionsartig lachende Künstler begann als ein Tänzer und er ist es noch immer - einer, der eine andere Gangart pflegt. Seine Kunst ist körperlich und immer auch ein Akt oft abstrakter Übersetzung - eines Stoffs oder Problems aus ursprünglich einer anderen Zeit oder Kultur in die unsrige. Dafür überwindet Johan Simons die Grenzen der Sprachen, der Genres, der Nationen. Er hat mit seiner legendären Theatertruppe Hollandia konsequent auf dem Dorf gespielt, vor den Toren der Großstadt Amsterdam, um den Kunstbegriff seiner Zeit zu sprengen und so den Geist der Städte zu verändern, ohne ihm zu erliegen. Er geht noch immer tanzend über die Grenzen dessen hinaus, was wir in Deutschland Stadttheater nennen. Er verwandelte die wohlkalkulierten Kammerspiele in München wieder in ein echtes Künstlertheater mit einem Ensemble, das in vielen Zungen spricht und scheinbar mühelos das Unvereinbare zusammenbringt: Repertoiretheater und Projektgruppenarbeit, provozierenden Diskurs und lokale Verwurzelung. In München schuf Johan Simons wohl das aufgeschlossenste Beispiel eines deutschen Ensembletheaters, ein hybrides Produktionsmodell der Zukunft. Und zugleich einen Ort der unbedingten und primären Liebe zu den Darstellern, dem ästhetischen Eigensinn, zu erratischen Persönlichkeiten. Er macht zu viel, aber zum Glück macht er es richtig - d.h. jeweils in Ruhe, in der Gruppe, in produktivem Zweifel. Das „Unheimisch-Sein“ in den nationalen Gewohnheiten hat ihm, wie vielen künstlerischen Gastarbeitern auf unseren Bühnen, die Fähigkeit verliehen, nicht nur seine Kunst, sondern auch das System ihres Entstehens auf eine gute Weise abenteuerlicher und weltoffener zu machen. So ehrt der Berliner Theaterpreis 2014 nicht nur den Dörfler, Tänzer und Regisseur, sondern auch den unkonventionellen Ensembledenker und Theatererneuerer Johan Simons.

Die Jury: Barbara Burckhardt, Dr. Thomas Oberender, Tobias Wellemeyer mit Yvonne Büdenhölzer

Berlin, im Februar 2014