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Theater

Rückblick: Theaterpreis Berlin an Andrea Breth

Veröffentlicht am 8 Juli 2024

Der „Theaterpreis Berlin“ 2006 wurde Andrea Breth zuerkannt. Die Stiftung Preußische Seehandlung zeichnete damit die Regisseurin für ihre herausragenden Verdienste um das deutschsprachige Theater aus.

Andrea Breth gab ihr Debüt mit einer Regiearbeit 1975 am Bremer Theater, inszenierte u.a. an den Theatern in Wiesbaden, Hamburg, Zürich, Freiburg, Bochum, Wien und bei den Salzburger Festspielen sowie an der Leipziger und Stuttgarter Oper. Sie war über fünf Jahre, bis 1997, Künstlerische Leiterin der Berliner Schaubühne und arbeitet seit 1999 als Hausregisseurin am Burgtheater Wien. Mit ihren Theaterinszenierungen war sie mehrfach beim Theatertreffen in Berlin vertreten.

Die öffentliche Verleihung des Preises durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin fand während des Berliner Theatertreffens im Rahmen einer Matinee am 21. Mai im Festspielhaus an der Schaperstraße statt.

Theaterpreis Berlin 2006 © gezett

BEGRÜNDUNG DER JURY

Mit Andrea Breth ehrt die Jury des „Theaterpreises Berlin“ eine der bedeutendsten Regisseurinnen des deutschsprachigen Gegenwartstheaters: eine sensible, in ihrer analytischen Unerbittlichkeit auch penible Menschen- und Seelenforscherin, die in ihren Inszenierungen die dunklen Seiten der Existenz auslotet und dabei immer auch metaphysischen Fragen nachspürt. In der Tradition des psychologischen Realismus stehend, hat Andrea Breth, diese große Einzelgängerin, die ästhetischen Trends und Moden des Betriebs nie mitgemacht, sondern Theater stets als Dienst am Text betrieben, ohne dabei in konventioneller „Werktreue“ zu erstarren. Ihr Theater ist Menschenkunde, Gedächtnisarbeit, Suche nach Transzendenz. Diese Regisseurin, die sich als „Sekundärkünstlerin“ begreift, liefert sich den Stücken mit bedingungsloser Hingabe aus, und es ist immer wieder erschreckend, beglückend und erhellend, was sie darin entdeckt.

Andrea Breth ist eine Seelenchirurgin mit mikroskopisch genauem Blick. Ihre Domäne sind die ernsten und tragischen Stücke aus dem klassischen Repertoire. Seit ihren Anfängen Mitte der siebziger Jahre hat sie in unvergessenen Ibsen-, Kleist-, Lessing-, Tschechow- und Schnitzler-Inszenierungen von den Abgründen und Sehnsüchten der Menschen erzählt, vom Scheitern des Glücks. Andrea Breth hat sich dabei nie verbraucht. Im Gegenteil: Als Hausregisseurin am Wiener Burgtheater, die sie seit 1999 ist, hat sie nicht nur Werke der zeitgenössischen Dramatik für sich und uns entdeckt, sondern bei aller Ernsthaftigkeit auch im Umgang mit Klassikern zu einer neuen Leichtigkeit und einer größeren Freiheit in der Wahl ihrer Mittel gefunden. Mit ihrem grandios ernüchternden „Don Carlos“ ist sie in die finstersten Korridore der Macht vorgedrungen.

Andrea Breth mag als eine „Schwierige“ gelten, aber in ihrer strengen Unbeirrbarkeit und Mainstream-Resistenz liegt auch ihre Kraft. Sie ist eine großartige Handwerksmeisterin und eine wichtige Stimme – nicht zuletzt auch dann, wenn es darum geht, im Theater Position zu beziehen.

Die Jury: Christine Dössel, Jürgen Schitthelm, Christoph Schroth, Dr. Joachim Sartorius

Berlin, im März 2006