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Literatur

Rückblick: Rahel Varnhagen von Ense-Medaille an Dr. Christoph Links

Veröffentlicht am 25 Sept. 2023

Gestiftet von der Stiftung Preußische Seehandlung und in Kooperation mit der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt wurde die Medaille im Jahr 2023 feierlich durch den Senator für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt Joe Chialo an den Verleger und Publizisten Dr. Christoph Links verliehen. Die Rahel Varnhagen-Medaille dient der Auszeichnung von Persönlichkeiten und in Berlin ansässigen Gruppen und Institutionen, die sich in besonderer Weise um die Förderung des literarischen Lebens in Berlin verdient gemacht haben und ist mit 10.000 Euro dotiert. Dr. Christoph Links wurde damit für seine verdienstvolle Arbeit im Berliner Literaturbetrieb geehrt.

Dr. Jens Bisky, Prof. Dr. Christian Metz und Dr. Susanne Schüssler bildeten die Preis-Jury und führten in der Jurybegründung aus: „Mit der Auszeichnung von Christoph Links mit der Rahel Varnhagen von Ense-Medaille wird nicht nur eine Persönlichkeit gewürdigt, ›die sich in besonderer Weise um die Förderung des literarischen Lebens in Berlin verdient gemacht‹ hat, sondern auch ein Autor und Verleger, der sich ›in besonderem Maße mit Berlin in Geschichte und Gegenwart auseinandergesetzt‹ hat. (...) Es erschienen Bücher, über die es zu streiten lohnte und über die auch gehörig gestritten wurde. Er nahm den Osten ernst, jenseits von Ostalgie und anders als die Politik. Viele der Titel sind längst zu Standardwerken geworden.“

Prof. Dr. Dieter Stolz über den Preisträger in seiner Laudatio: "(...) Seine Maxime ist und bleibt: Es gibt noch viel zu tun, packen wir es an, gemeinsam, besser heute als morgen. Jedes gelungene Buch bereichert die von Menschen gemachte und also veränderbare Welt. Und jede detailgenau recherchierte, mit Umsicht lektorierte, gut produzierte und angemessen präsentierte Neuerscheinung kann als Beitrag zu einer wahrhaftigen Streit-Kultur verstanden werden, einer Streit-Kultur, die den Doppelnamen tatsächlich verdient. Das Büchermachen mit Links degeneriert dementsprechend nie zum Selbstzweck, steht vielmehr im Dienst einer nie endenden Aufgabe.(...)"

Christoph Links beendete seine Replik mit folgenden Worten: "Und noch ein Wunsch zum Schluss: Möge Berlin eine weltoffene, diskussionsfreudige Stadt bleiben, die unterschiedlichen Denk- und Sichtweisen Raum zur Artikulation gibt und die Meinungsfreiheit tapfer verteidigt. Freiheit ist bekanntlich immer die Freiheit der Andersdenkenden. Rahel Varnhagen würde sich darüber gewiss freuen."

Im Vorfeld lud Dr. Dorothee Nolte zu einer Einführungsveranstaltung zu Rahel Varnhagen von Ense ein, die von 1771–1833 in Berlin lebte und einen der bedeutendsten literarischen Salons führte. Dieser fand gegenüber der heutigen Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in der Jägerstraße statt.

Verleihung: Joe Chialo, Senator für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, Dr. Hans Gerhard Hannesen, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Preußische Seehandlung

Die Veranstaltung wurde von Shelly Kupferberg moderiert und vom Peter Ehwald & Ensemble ~ Su musikalisch begleitet.

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Fotos: Katja Henschel

BEGRÜNDUNG DER JURY

Mit der Auszeichnung von Christoph Links mit der Rahel Varnhagen von EnseMedaille wird nicht nur eine Persönlichkeit gewürdigt, „die sich in besonderer Weise um die Förderung des literarischen Lebens in Berlin verdient gemacht“ hat, sondern auch ein Autor und Verleger, der sich „in besonderem Maße mit Berlin in Geschichte und Gegenwart auseinandergesetzt“ hat. Sofort am 1. Dezember 1989 hat Christoph Links seinen Verlag in Ostberlin angemeldet. Unbeirrbar und aus Überzeugung wollte er etwas machen, womit offensichtlich kein Geld zu verdienen war, und dies ohne Erfahrung in kapitalistischer Marktwirtschaft: Bücher zu Politik und Zeitgeschichte. Er wollte die blinden Flecken in der Vergangenheit der DDR beleuchten, gesellschaftliche Tabus brechen, etwa die Frage nach der Mauer oder der Staatssicherheit stellen. Es erschienen Bücher, über die es zu streiten lohnte und über die auch gehörig gestritten wurde. Er nahm den Osten ernst, jenseits von Ostalgie und anders als die Politik. Viele der Titel sind längst zu Standardwerken geworden. Christoph Links wagte sich auch an andere Themen heran, wie die Kolonialgeschichte Deutschlands, die deutsche Beteiligung bei den Verbrechen an den Armeniern und die Nazivergangenheit. Er hat den Verlag nicht nur zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Berliner Verlagslandschaft gemacht – seine Bedeutung geht weit darüber hinaus: Die anfangs giftgelben Bücher stifteten einen wichtigen Beitrag für den gesellschaftlichen Diskurs unserer Republik – gegen das Vergessen. Rechten Angriffen trotzte Christoph Links dabei unerschrocken, obwohl der Verlag mehrfach mit allen möglichen juristischen Folterwerkzeugen traktiert wurde.

Anders als andere Verleger war sich Links seiner Verantwortung gegenüber Autorinnen und Autoren sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bewusst und kümmerte sich rechtzeitig um eine sichere Zukunft seines Verlags. Als Autor bleibt der penible Chronist und Kenner der ostdeutschen Buchhandelsgeschichte weiterhin der Branche verbunden: Nach seinem Buch über die Privatisierung der DDR-Verlage (2009) wirkt er nun an einer großen Gesamtdarstellung der ostdeutschen Buchlandschaft mit.

Das Thema Meinungsfreiheit zieht sich durch sein gesamtes Leben: Im Rahmen des PEN und des Börsenvereins trat er für verfolgte Autorinnen und Autoren, Verlegerinnen und Verleger ein. Er scheute sich nicht, öffentlich Stellung zu beziehen – gegen rechte Aktivitäten ebenso wie gegen linken Dogmatismus. Er warnte vor Extremismus auf beiden Seiten und forderte gleichzeitig, dass Bücher nicht ausgesperrt werden dürften, wenn sie nicht gegen geltendes Recht verstoßen. Die Auseinandersetzung mit unliebsamen Argumenten gehört für ihn zur demokratischen Praxis.

Die Jury: Dr. Jens Bisky, Prof. Dr. Christian Metz, Dr. Susanne Schüssler

Berlin, im Juni 202