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Rückblick: Berliner Literaturpreis an Matthias Nawrat

Veröffentlicht am 25 Feb. 2026

Im Jahr 2026 erhielt der Autor Matthias Nawrat den Berliner Literaturpreis. Der Preis wurde am 25.02.2026 im Festsaal des Roten Rathauses durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin und Stiftungsratsvorsitzenden der Stiftung Preußischen Seehandlung, Kai Wegner, verliehen.

Zudem wurde der Preisträger durch Prof. Dr. Günter M. Ziegler, Präsident der Freien Universität, für das Sommersemester auf die Gastprofessur für deutschsprachige Poetik am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft berufen, die mit dem Berliner Literaturpreis verbunden ist.

Moderiert wurde der Abend durch Nadine Kreuzahler. Henry Mex und Dietrich Petzold begleiteten die Veranstaltung mit drei Musikstücken, die eine kongeniale Vertonung von Gedichten aus Nawrats Lyrikband »Gebete für meine Vorfahren« darstellten.

Die Kulturjournalistin und Autorin Juliane Liebert würdigte Matthias Nawrat in ihrer Laudatio als eine Ausnahmeerscheinung in der deutschsprachigen Literatur, deren Werk durch nüchterne Aufmerksamkeit, existenziellen Humor und erzählerische Integrität geprägt sei. Die Faszination seiner Texte speise sich aus »der Art, wie er beobachtet, unaufgeregt, aber trotzdem gespannt reizoffen. Die Texte gehen einen an, weil er aus diesem Beobachten eine eigene literarische Formel entwickelt, die eigentlich weniger ein Erzählen als ein fortwährendes Verbalisieren von genauer Wahrnehmung ist. (…) Nawrats literarische Kamera ist scharf, aber sie stellt nie bloß. (…) Wahrhaftig ist seine Literatur gerade deshalb, weil sie sich weigert ihre Figuren für Effekte zu benutzen, weil sie nichts behauptet, was die Erfahrung nicht trägt.«

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Fotos: Katja Hentschel

Begründung der Jury

Das Werk von Matthias Nawrat – beginnend mit den Romanen »Wir zwei allein« (2012), »Unternehmer« (2014) und »Die vielen Tode unseres Opas Jurek« (2015) über »Der traurige Gast« (2019), »Reise nach Maine« (2021), dem Gedichtband »Gebete für meine Vorfahren« (2022) und schließlich den Reiseessays in »Über allem ein weiter Himmel. Nachrichten aus Europa« (2024) – ist eine konsequente Erkundung Europas: seiner Landschaften, Mentalitäten, seiner Ungleichheiten und nicht zuletzt seiner eklatanten Gewaltgeschichte. Der 1979 im polnischen Opole geborene Autor, der 1989 mit seiner Familie nach Bamberg emigrierte, unter anderem in der Schweiz studierte und mittlerweile in Berlin lebt, erzählt von den Verbrechen des Nationalsozialismus ebenso wie von jenen des Stalinismus, vor allem aber erzählt er von ihrem Fortwirken in der Gegenwart. Zugleich eröffnen seine Texte Einblicke und Einsichten in ein heutiges Europa, das die Geschichte und Kultur seiner östlichen Mitgliedstaaten häufig marginalisiert.

So wie Matthias Nawrat einen eingeschränkten westlichen Horizont immerzu aufreißt und den Blick in alle Richtungen öffnet, so bedeutet Zeit bei ihm stets Gleichzeitigkeit. Es ist das Dazwischen, die subkutane Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit und deren verborgenes Wirken, die er in seinen Texten herausarbeitet, das Beziehungsgeflecht hinter den Bruchstücken unserer Wirklichkeit, die unsichtbaren Linien, die von der Vergangenheit in die Gegenwart führen. Wenn Matthias Nawrat in seinen Texten, seien es Romane, Essays oder Gedichte, den europäischen Raum erkundet, dann erkundet er ihn wie ein Archäologe, der behutsam die historischen Sedimentschichten abträgt. Ebenso behutsam, nie auftrumpfend, dabei zugleich von äußerster Präzision und poetischer Strahlkraft ist seine Sprache.

Grundiert wird das Schreiben Nawrats zum einen von einem fundamentalen Zweifel an der Sprache selbst, an Sprache überhaupt, die er in der permanenten Gefahr sieht, ideologisch überformt zu werden. Das gilt für die Euphemismen des Kapitalismus, wie sie sich in dem Roman »Unternehmer« in die Körper schon der Jüngsten einschreiben und diese versehren, ebenso wie für die deformierte und verschleiernde Sprache des Sozialismus in dem Roman »Die vielen Tode unseres Opas Jurek«. Ausgerechnet »Paradies« heißt dort das Kaufhaus, in dessen Regalen die Waren fehlen und wo deshalb umso eifriger Geschäftigkeit simuliert wird – ein Sinnbild des sozialistischen Systems. Dieser Sehnsuchtsort des titelgebenden Großvaters als das Versprechen stets verfügbarer Delikatessen spiegelt zugleich als Gegenbild das Grauen, das diesem Großvater widerfuhr: seine nicht allein dem Hunger geschuldeten Qualen in Auschwitz, wohin ihn die Nationalsozialisten verschleppten.

Grundiert wird das Schreiben Nawrats zum anderen von einem unerschütterlichen Humanismus, von dem Angebot zum Gespräch – zwischen den Zeiten und den Menschen. Ein Humanismus, der sich jenseits von politischen Deklamationen vor allem in der Empathie zeigt, mit der er auf die Figuren seiner Romane ebenso wie auf die Menschen schaut, denen er auf seinen Reisen begegnet.

Für sein beeindruckendes literarisches Werk erhält Matthias Nawrat den Berliner Literaturpreis 2026 der Stiftung Preußische Seehandlung. Die Jury gratuliert dem Autor sehr herzlich zu dieser Auszeichnung.

Die Jury

Maja Beckers, Prof. Dr. Hans-Christian von Herrmann, Dr. Sonja Longolius, Dr. Wiebke Porombka, Prof. Dr. Julia Weber

Berlin, im Januar 2026