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Theater

Rückblick: Theaterpreis Berlin an Margit Bendokat

Veröffentlicht am 8 Juli 2024

Für ihre herausragenden Verdienste um das deutschsprachige Theater zeichnete die Stiftung Preußische Seehandlung die Schauspielerin Margit Bendokat mit dem Theaterpreis Berlin 2010 aus. Die Entscheidung über die Auszeichnung traf die Preisjury, der der Intendant Hasko Weber (Schauspiel Stuttgart), die Regisseurin Konstanze Lauterbach und der Theaterkritiker Christopher Schmidt sowie mit beratender Stimme der Intendant der Berliner Festspiele Joachim Sartorius bzw. die Leiterin des Theatertreffens Iris Laufenberg angehörten.

Der mit 20.000 Euro dotierte „Theaterpreis Berlin“ wurde am 9. Mai 2010 im Rahmen des Berliner Theatertreffens vom Regierenden Bürgermeister und Vorsitzenden des Rates der Stiftung Preußische Seehandlung Klaus Wowereit verliehen.

Theaterpreis Berlin 2010 © gezett

BEGRÜNDUNG DER JURY

Die magnetische Anziehung, welche die Schauspielerin Margit Bendokat auf Regisseure und Publikum ausübt, ist von lang anhaltender Dauer.  Man bewundert ihre unzerstörbare schauspielerische Naivität; die Frau mit der einprägsamen, zerbrechlichen, mädchenhaft-kindlichen Stimmkraft, glasklar und fremdartig zugleich. Seit 44 Jahren steht sie auf der Bühne des Deutschen Theaters Berlin. Regisseure wie Alexander Lang, Einar Schleef, Heiner Müller, Dimiter Gotscheff, Jürgen Gosch und Nicolas Stemann zog sie in ihren Bann. 

Wenn die Stiftung Preußische Seehandlung in diesem Jahr den Preis an Margit Bendokat verleiht, so ehrt sie damit das Lebenswerk dieser Theaterfrau und insbesondere ihren immer wieder jungen und frischen Blick auf die Welt, den Kosmos ihrer Figuren und Rollengestalten. Staunend schaut sie dabei in sie hinein, um wiederum staunend aus ihnen hervorzublicken. Wo das innere Wesen ihrer Frauenfiguren auszuglühen oder am Tiefkühlpunkt angekommen zu sein scheint, hat sie immer einen Rest von Schalk, bitterem Witz, aber auch Würde in Reserve, als letzten Joker gegen endgültiges Verlorensein. Wärme und Kälte, Schwäche und Stärke, Schrei und Stille ringen in ihrem Spiel um- und gegeneinander. In  Gegensätzen fühlt und atmet die Bendokat, findet darin die treibenden Kräfte für ihren ganz eigenen schauspielerischen Ausdruck. Sie kann spannungsvoll im scheinbar Unauffälligen verstummen, stoisch ausharren, archaisch-brachial auftrumpfen. Mit treffsicher menschlichem und sozialem Ton verleiht sie, ob nun schräg oder schrill, leise oder verletzt, Figuren eine Stimme, die “aus der Welt fallen“ und dennoch ihrem sozialen Dilemma mit harschem Humor entgegenwirken. Ihre schauspielerischen Wurzeln sind die der kleinen, alltäglichen, persönlichen Revolten, wie jene der großen gesellschaftlichen Revolten. Die jähen Wechselgesänge in den Biographien ihrer Frauengestalten sind Bendokats ureigene Sprache. Schneidende Wucht contra nüchterne Trockenheit; schmerzhaft empfundene Schutzlosigkeit der von ihr verkörperten Existenzen contra bissige Wut im Dauerkampf ums Leben. Das innere Wesen ihrer Figuren kann sie dunkel verhüllen, gewaltsam verhärten, oder in aller Nacktheit in raue Wirklichkeit stellen. Tief ist ihr inneres Bekenntnis zu Personen aus nichtprivilegierten Schichten, und das meint weit mehr, als den Ruf einer urigen Altberliner Göre, mit dem sie immer wieder öffentlich geadelt wurde. Ihr Blick war und ist, zu jeder Zeit, auf ein unbestechliches Geradeaus gestellt. Das verleiht der Schauspielerin menschliche Glaubwürdigkeit, ihre ureigenste Substanz und sinnliches Faszinosum. Die Bendokat spielt nicht nur GEGEN ETWAS an, sondern sie spielt immer auch FÜR ETWAS.

Die Jury: Konstanze Lauterbach, Christopher Schmidt, Hasko Weber mit Dr. Joachim Sartorius

Berlin, im Februar 2010