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Rückblick: Friedlieb Ferdinand Runge-Preis für unkonventionelle Kunstvermittlung an Stephanie Barron und Dr. Eckhart Gillen

Veröffentlicht am 10 Juli 2024

Der von der Stiftung Preußische Seehandlung alle zwei Jahre ausgelobte und mit 10.000 Euro dotierte Friedlieb Ferdinand Runge - Preis für unkonventionelle Kunstvermittlung ist von dem Juror Ulrich Eckhardt für das Jahr 2011 den Ausstellungskuratoren Stephanie Barron und Eckhart Gillen zuerkannt worden.

Der Preis wurde am 28. Oktober 2011 in der Berlinischen Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Photographie und Architektur, verliehen.

Friedlieb Ferdinand Runge-Preis 2011 © gezett

BEGRÜNDUNG DER JURY

Die Ehrung mit dem Friedlieb Ferdinand Runge-Preis für unkonventionelle Kunstvermittlung im Geiste und als Vermächtnis von Eberhard Roters ist ausgelöst worden durch ein ganz konkretes Ereignis, durch eine den Blick verändernde Kunstausstellung, die von den beiden Preisträgern kuratiert worden ist: Kunst und Kalter Krieg . Deutsche Positionen 1945-1989 – im Deutschen Historischen Museum Berlin vom 3. Oktober 2009 bis 10. Januar 2010. Gleichzeitig aber ist die Ehrung auch eine zweifache Reverenz gegenüber der Lebensleistung beider Persönlichkeiten: Stephanie Barron aus Los Angeles und Eckhart Gillen aus Berlin – mit ihren je eigenen beruflichen Beiträgen zur Kunstgeschichtsschreibung für das 20. Jahrhundert.

Deutsche Kunst in Zeiten des Kalten Kriegs – auf beiden Seiten des „Eisernen Vorhangs“, der die Welt ideologisch teilte – präsentierte eine epochal zu nennende Ausstellung, zu sehen in Los Angeles, Nürnberg und zuletzt – am entscheidenden Ort – in Berlin: ein Meilenstein in der Beschreibung und Deutung deutsch-deutscher Kunstentwicklung in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Sie zeigte die schicksalhaften Prozesse deutscher Kunst im 20. Jahrhundert als Spiegelung politischer Brüche und humaner Katastrophen. Das Los Angeles County Museum of Art, dessen Chefkuratorin Stephanie Barron ist, nannte die Ausstellung „Art of Two Germanys“. Eckhart Gillen reflektierte im nachfolgenden Buch „Feindliche Brüder?“ in präziser Gründlichkeit, was auf Zeit im Deutschen Historischen Museum visualisiert war. In aufklärerischem Impetus fegten zwei Einzelkämpfer Vorurteile und vereinfachende Klischees hinweg; sie erweiterten den bislang verengten Blickwinkel und ließen erkennen, dass ein redlicher Umgang mit dem Schaffen von Künstlern, die unter divergierenden Bedingungen existierten, zu einem klaren Blick auf konkurrierende Bilder vom Menschen und der Gesellschaft führt. Gegen Verfälschung und Blindheit richteten sie sich und schärften das Bewusstsein des komplizierten Ganzen und der verästelten Korrespondenzen innerhalb einer Kulturnation. Überholte Schemata von Realismus und Abstraktion wurden überwunden, und es wurde deutlich, dass aus anfänglich gemeinsamer Ausgangslage auf unterschiedlichen Wegen nach Utopien für eine bessere Welt gesucht wurde. Hier wie dort mühten sich Kunstschaffende zwischen Idealen und Realitäten um die Wahrheit. Endlich war Schluss mit ungerechten Bewertungen künstlerischer Leistungen in der DDR. Ein ehrlicher und sensibler Umgang mit persönlichen Schicksalen und künstlerischen Biographien trat an die Stelle von Ausgrenzung oder Herabsetzung, stattdessen wurde die Aufrichtigkeit individueller Positionen herausgestellt.

Mit ihrer Pionierleistung haben die beiden Kuratoren eine Verantwortung wahrgenommen, die den öffentlichen Einrichtungen zugestanden hätte. Mit hohem beruflichen Ethos haben sie eine Aufgabe erfüllt, zu der andere nicht fähig oder bereit waren, und vermittelt, dass künstlerische Arbeit nicht zu verstehen ist ohne differenzierende Berücksichtigung ihrer Entstehungsbedingungen und ihres Umfeldes. Sie öffneten die Augen für den unbestreitbaren Umstand, dass Ost-West-Kunst im Zivilisationsbruch eine verbindende geistige und ethische Basis hatte und diese auch in vier Jahrzehnten nie ganz verlor. 1945 war keine Stunde Null, aber der Aufbruch aus der Katastrophe und Erinnern an zerstörte Kontinuitäten und verdrängte Traditionen. Die Wechselwirkungen zwischen kulturellen Aktivitäten und politischen Prämissen wurde aufgezeigt, so dass wir auch besser begreifen, was in den Schicksalsjahren 1989 und 1990 geschehen ist.

Mit beredter Überzeugungskraft und Ernsthaftigkeit hat Eckhart Gillen jeglicher Verdrängung von Kunst, die in der DDR gegen widrige Verhältnisse entstand, unbeirrt entgegen gearbeitet. Erinnert sei an sein „Niemandsland“. Ganz im Sinne von Eberhard Roters, der zusammen mit Dieter Brusberg 1988 den „Zeitvergleich“ unternahm, plante und realisierte er für die Berliner Festspiele 1997 die „Deutschlandbilder“ im Martin-Gropius-Bau. Er hat es sich niemals so leicht gemacht wie die Autoren von „60 Jahre - 60 Werke“. Aufopfernd bemühte er sich um Gerechtigkeit, wenn er die Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland nach 1945 in erweiterter Perspektive beleuchtete und die komplexen, subkutanen Wechselwirkungen sichtbar machte. Er hat einen grundlegenden und unverzichtbaren Beitrag zum Projekt einer gesamtdeutschen Kunstgeschichte geleistet. Stephanie Barrons Initiative zu neuerlicher gemeinsamer Anstrengung ergab sich ganz logisch aus ihrer über Jahrzehnte singulären Beschäftigung mit dem deutschen Expressionismus und mit dem Schicksal der Avantgarde, die in die Emigration gezwungen wurde. Sie hat im Alleingang in den USA Kenntnis und Bewusstsein für historische Prozesse vermittelt - durch Erforschung und Darstellung deutscher Kunst in einem politischen, sozialen und geschichtlichen Kontext. Als Senior Curator hat sie nach den Ausstellungen „Entartete Kunst“ 1992 und „Exil: Flucht und Emigration“ 1997 schließlich mit „Art of Two Germanys“ 2009 die Tradition des Museums eindrucksvoll fortgesetzt – als notwendigen Beitrag zum Verständnis in der amerikanischen Öffentlichkeit, was dann 1989/90 geschah.

Der Friedlieb Ferdinand Runge-Preis soll an Eberhard Roters erinnern und trägt deshalb die beigefügte Charakterisierung „für unkonventionelle Kunstvermittlung“ – und das ist im vorliegenden Fall evident. Denn gegen Konventionen, gegen Bequemlichkeit und Vereinfachung, gegen den Verlust differenzierender Wahrnehmung richtete sich diese Ausstellung über Divergenzen und Konvergenzen in der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts. Eberhard Roters ging es nie nur um Bilder und deren ästhetische Kategorien, sondern um Abbilder der Geschehnisse. Er sah sie als Zeichen ihrer Zeit, vermittelte deren Wahrheitsgehalt und ließ uns hinter dem Abgebildeten dessen Gegenwärtigkeit verstehen. Unkonventionell ist in diesem Falle die gründliche und unumkehrbare Änderung des Blickwinkels, die verantwortungsvolle Neubewertung künstlerischer Aussagen und die Justierung der Perspektive auf die deutsch-deutsche Kunstgeschichte und ihrer Interdependenzen nach dem 2. Weltkrieg – unter den Bedingungen einer durch feindliche Ideologien geteilten Welt, in einer Zeit, die man einen „Kalten Krieg“ nannte.

Der Juror: Prof. Dr. Ulrich Eckhardt

Februar 2011